Hey, digitale Skeptiker—
Frueher war Storytelling ein Handwerk. Heute ist es eine KPI.
Wir haben eine Online‑Welt gebaut, in der die Waehrung nicht Wahrheit ist, sondern Traktion. Wo Fakten um Aufmerksamkeit betteln muessen und absurde Behauptungen auf dem Algorithmus wie auf einem goldenen Wagen fahren.
Die Attention Economy hat nicht nur veraendert, wie wir verkaufen. Sie hat veraendert, was wir sagen. Und gefaehrlicher: sie hat veraendert, was wir belohnen.
Wir sind nicht mehr im Informationszeitalter. Wir leben im Erfindungszeitalter.
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Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Social‑Plattformen belohnen Content, der Engagement erzeugt.
Und was erzeugt Engagement? Empoerung. Ueberraschung. Emotion. Mit anderen Worten: Verzerrung.
Facebook weiss seit Jahren, dass Posts, die Wut oder Staunen ausloesen, besser performen als informative. YouTubes Algorithmus schiebt Nutzer laut interner Forschung schrittweise zu extremeren Inhalten, um Watch Time zu steigern. TikTok, komplett AI‑kuratiert, lernt, was deinen Daumen zappeln laesst. Und das ist selten Nuance.
Das Ergebnis: ein Feedback‑Loop, in dem Creator sich in Absurditaet ueberbieten. Headlines schreien. Hooks luegen. Und irgendwo im Hintergrund ringt eine halb begrabene Wahrheit nach Luft.
Ein viraler Tweet behauptete, Bienen koennten menschliche Gesichter erkennen und in Gruppen abstimmen. Ein anderer: Shakespeare‑Lesen verbessere das Immunsystem. Beides falsch. Beides viral. Natuerlich.
Wir leben in einem Viralitaets‑Ruestungswettlauf. Und die Waffen sind aufblasbar.
Die LinkedIn‑Illusionsmaschine
Nirgendwo ist das Phaenomen absurder als auf LinkedIn — dem Ort, wo falsche Bescheidenheit auf strategische Fiktion trifft.
Jeden Tag ist der Feed voll von CEOs, die als Hausmeister begannen, Praktikanten, die ganze Produktlaunches retteten, und Foundern, die in Sandalen an der Tankstelle 7‑stellige Deals abschlossen.
Nimm die beruehmte „Coffee Interview“-Story: Eine junge Frau bekommt den Job, weil sie ihren eigenen Mehrwegbecher mitbrachte und den Hiring Manager mit Eco‑Awareness beeindruckte. Der Post sammelte ueber 100.000 Likes.
Es war Fiktion.
Spaeter auf eine Ghostwriting‑Agentur zurueckgefuehrt, spezialisiert auf virale Founder‑Stories.
LinkedIn ist zur Buehne fuer Karriere‑Cosplay geworden — ein endloser Strom moralischer Fabeln, verkleidet als Work‑Experience. Der Algorithmus prueft keine Quellen. Er prueft Reichweite.
Medium: Thought Leadership oder Thought Inflation?
Medium startete als Zuflucht fuer Long‑Form‑Denken. Mit Wachstum wuchs der Druck, zu performen.
Schreibende lernten: Nuance trendet nicht. Bold Claims schon.
Titel wie „Warum 4 Uhr morgens dich zum Millionär macht“ oder „Der eine Trick, der mich klüger macht als 99%“ dominierten die Startseite. Das sind keine Essays — das ist Koeder.
Ein Content‑Audit 2023 zeigte: Artikel mit „schockierenden“ Claims im Titel erhielten 2,4x mehr Views als ausgewogene, gut recherchierte Stücke.
Der Clou: Das interne Ranking bevorzugt „Clap Rate“ und Completion Rate. Heißt: je mehr du unterhaeltst — selbst wenn du erfindest — desto besser performst du.
Mediums Monetarisierungssystem verstaerkt das. Writer werden nach Lesezeit und Engagement bezahlt. Gut fuer das Top‑1% der Creator, die Aufmerksamkeit in Gold verwandeln, schlecht fuer Leser, die Insights suchen und Indigestion bekommen.
Medium wurde zu *Medium‑großem Bullsht**, verpackt in Serif‑Fonts und Self‑Help‑Rhetorik.
Die Psychologie der Glaubwuerdigkeit
Warum fallen wir darauf herein?
Die kognitive Psychologie liefert einen Hinweis: der illusory truth effect. Wiederholung erhoeht Glaubwuerdigkeit. Wenn du etwas mehrfach siehst, in unterschiedlichen Formaten, aus verschiedenen Blickwinkeln, glaubst du es eher — selbst wenn es falsch ist.
Hinzu kommt der fluency effect: Information, die leicht zu verarbeiten ist (kurz, stark, emotional), wirkt wahrer.
Speise beides in ein System, das Screen Time maximiert — und du bekommst den perfekten Sturm: Bullsh*t, der sich wie Evangelium anfuehlt.
Das ist nicht nur nervig. Es ist gefaehrlich.
Es erodiert Vertrauen. Betaeubt kritisches Denken. Und im Business erzeugt es eine Generation von Foundern und Marketern, die glauben, Storytelling sei alles, was funktioniert.
Morning Brew vs Clickbait Bros
Kontrastieren wir.
Morning Brew, ein Business‑Newsletter mit ueber 4 Mio. Abonnenten, wuchs durch Klarheit, nicht durch Hype. Die Editorial‑Strategie basiert auf Daten, Kuerze und vor allem Vertrauen. Sie muessen nicht erfinden, dass Jeff Bezos Leadership von Pilzen lernte.
Derweil produzieren Dutzende Clone‑Newsletter fiktive Trends, erfundene Produktivitaets‑Hacks und Geschichten von Krypto‑Milliardären, die Lama‑Farmen kaufen, um Achtsamkeit zu lernen.
Rate, was mehr Shares auf Twitter bekommt.
Ja, die Lama‑Farm gewinnt.
Weil Luegen klickbarer sind als Logik.
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Was kannst du tun?
Tun wir nicht so, als waeren wir immun. Aber wir koennen widerstehen.
Hier ist dein BHT‑Toolkit:
- Verlangsame deinen Scroll — klingt es absurd, pausiere vor dem Teilen.
- Belohne Nuance — applaudieren fuer Posts, die nicht schreien.
- Baue Vertrauenskapital — mach Wahrheit zu deiner Marke.
- Audit deinen Feed — wen verstärkst du? Und warum?
- Ruf performative Luegen aus — besonders auf professionellen Plattformen.
Du musst nicht die lauteste Stimme sein.
Du musst die klarste sein.
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Der Algorithmus wird uns nicht retten. Er war nie dafuer gedacht.
Er ist nicht kaputt. Er funktioniert perfekt. Optimiert auf Engagement. Performance ueber Herkunft. Und macht jeden Creator zum Jahrmarktschreier.
Aber hier der Punkt: Menschen werden muede. Von Fake‑Gurus. Von ueberdrehten Headlines. Von Manipulation.
Und Muedigkeit ist gut. Muedigkeit veraendert Dinge.
Die Zukunft gehoert nicht den Lautesten. Sondern den Glaubwuerdigsten.
Bis zum naechsten Mal, bleib schaerf.
Alex
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Wenn deine Marke muede ist, lauter zu schreien und bereit ist, dauerhafte Glaubwuerdigkeit aufzubauen, lass uns sprechen. Kredo Marketing hilft dir, Strategien auf Vertrauen statt Tricks zu bauen.
