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Die grosse Entkopplung: wenn Mitarbeiter bleiben, aber ihr Engagement schwindet

Die grosse Entkopplung: wenn Mitarbeiter bleiben, aber ihr Engagement schwindet

Strategie Oekonomie Psychologie

Hey, Puls‑Leser—

Du hast die Headlines gesehen: Die Great Resignation ist vorbei! Der Arbeitsmarkt stabilisiert sich!

Aber was, wenn die echte Krise nicht geendet hat? Was, wenn sie nur mutiert ist?

Willkommen im Zeitalter der Great Detachment — ein leiseres, subtileres und erosiveres Phaenomen, das die globale Belegschaft durchzieht. Die Koerper sind noch im Buero (oder auf Slack), aber die Koepfe und Herzen?

Nicht wirklich.

Es geht nicht mehr um Fluktuation. Es geht um emotionalen Absentismus.

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Von Resignation zu Resignation‑in‑Place

2021–2022 wurde die Great Resignation zum Medienliebling. Menschen kuendigten in Scharen, bewerteten ihr Leben neu, wehrten sich gegen Burnout‑Kultur. Es wirkte wie ein kollektives Erwachen. Unternehmen gerieten in Panik: Benefits, Raises, Flexibility — alles, um Talente zu halten.

Jetzt, da die Kuendigungen nachlassen, atmen viele Arbeitgeber auf. Zu frueh.

Denn hier ist, was sie uebersehen: Die Menschen sind nicht zurueckgekommen. Ihr Sinn ist nicht zurueckgekommen. Ihr Vertrauen ist nicht zurueckgekommen.

Disengagement ist ueberall — maskiert durch Compliance, leise in Meetings, hoeflich in Emails, aber tief praesent. Ein Gallup‑Report 2024 zeigt: Nur 23% der Mitarbeitenden weltweit sind engagiert, der niedrigste Wert seit 2011.

Und doch nennt kaum jemand es, was es ist: eine Sinnkrise.

Wie sieht Entkopplung im Alltag aus?

Ein Reddit‑User teilte das Paradox eines Raises und einer Befoerderung — und absoluter Leere. Im Thread: hunderte aehnliche Bekenntnisse von Professionals, die alles haben, was sie haben sollten, aber keinerlei Feuer mehr.

Auf TikTok ging @whoisgidz viral mit dem Video „The art of detachment“. Die Stimmung: deadpan. Der Subtext: Millionen Views, die zeigen, wie verbreitet das Gefuehl ist. Arbeit ist fuer viele nicht hart — sie ist hohl.

Dann @saraisthreads mit ihrer Demontage der Corporate‑Verwirrung: „Warum sind Mitarbeitende disengaged?“ Ihre Antwort: Sie sind nicht von Arbeit disengaged, sondern vom Theater der Arbeit. Die Comments: Geschichten von performativen Meetings, Fake‑Culture‑Decks und Engagement‑Surveys, die sich wie Gaslighting anfuehlen.

Ein besonders starkes Beispiel kommt von einem Tech‑Mitarbeiter aus Bengaluru, der berichtet, in drei Jahren 24 Kilo zugenommen zu haben, waehrend er 14 Stunden pro Tag arbeitete. Kein Ausreißer — ein typisches Symptom. Wenn Entkopplung der Preis fuers Bleiben ist, zahlt der Koerper mit.

Das sind keine Ausnahmen — das sind Signale. Und das Signal ist klar: Entkopplung ist keine Faulheit. Sie ist Anpassung. Ein Ueberlebensmechanismus in einem System, das keinen Sinn mehr liefert.

Ursachen der Entkopplung

Mindestens drei Treiber:

  1. Normalisierter Burnout: Always‑on wurde zur Ehrenplakette.
  2. Werte‑Mismatch: Menschen wollen Sinn, nicht nur Gehalt.
  3. Managerial Theatre: viele Meetings, wenig Substanz.

Viele kehrten mit neuen Werten zurueck, fanden aber alte Rituale. Dann kam die Proliferation von Produktivitaets‑Tech — AI, Automatisierung, Metriken. Tools, die Arbeit verbessern sollten, entfremdeten oft die Menschen, die sie tun.

Zu viele Manager wurden zu Schauspielern in managerial theatre, mit Reporting statt Cultivation. Die Inflation von „Purpose“‑Sprache ohne kulturelles Follow‑through vergroessert die Distanz. Wenn Werte nur in Slides leben, ist Entkopplung unvermeidlich.

Wie Anne Helen Petersen schrieb: „We’ve optimized work into meaninglessness.“

Oekonomische und strategische Auswirkungen

Das ist kein rein psychologisches Phaenomen — es ist ein strukturelles Risiko. Gallup schaetzt, dass disengagete Mitarbeitende die Weltwirtschaft 8,8 Billionen Dollar pro Jahr an Produktivitaetsverlust kosten.

Das sind keine Quartals‑Schwankungen. Disengagement unterminiert Innovations‑Pipelines, verlangsamt Reaktionszeiten und knabbert langfristig an Wertschöpfung. Bedeutet: weniger gute Ideen, weniger Initiative, mehr uebersehene Fehler, weniger Accountability.

In einer disengagten Organisation zerfallen Feedback‑Loops.

High Performer brennen aus oder gehen. Mediokritaet wird nicht herausgefordert — sie wird Standard.

Und die Brand‑Wahrnehmung leidet — nicht weil Kunden Disengagement direkt sehen, sondern weil die Vitalitaet hinter der Marke leise erlischt.

Schlimmer noch: disengagete Mitarbeitende sind nicht neutral. Viele werden passiv toxisch — sie sabotieren nicht, aber sie schuetzen nicht. Sie flaggen Probleme nicht, bis sie eskalieren. Sie verteidigen die Marke nicht. Vielleicht korrigieren sie nicht einmal Fehlinformationen in Meetings oder Slack. Diese Apathie ist korrosiv. Sie breitet sich aus. Und man sieht sie erst, wenn sie ueberall ist.

Auf Makroebene erzeugt diese kulturelle Entkopplung einen oekonomischen Drag, den viele Leader unterschätzen — und sie trifft Investor Confidence, Talent Acquisition und interne Resilienz. Wenn Menschen nicht mehr an die Mission glauben, fuehlen sich selbst kleine Aenderungen unertraeglich an. Selbst hohe Gehaelter wirken wie Bestechung.

Das ist die stille Gefahr: Entkopplung kuendigt sich nicht an. Sie entzieht dir langsam Energie, einen apathischen Tag nach dem anderen.

Was tun?

Klartext: Du kommst nicht mit einem Notion‑Board heraus.

Die Loesung ist nicht die naechste „Employee Pulse“‑Survey. Es braucht ein systemisches Neudenken von Sinn, Agency und Aufmerksamkeit im Unternehmen.

Purpose muss verdient werden — nicht ausgerufen. Leader muessen aufhoeren, ihn an Mission Statements auszulagern, und anfangen, harte, aber notwendige Entscheidungen zu treffen, die Worte und Taten ausrichten.

Middle Manager muessen re‑humanisiert werden.

Sie sind der Punkt, an dem Strategie auf Execution trifft — und Burnout auf Buerokratie. Gib ihnen Raum, zuzuhoeren, sich anzupassen und mit Praesenz zu fuehren.

Unternehmen muessen Kommunikation nicht als Optik, sondern als narrative Kohärenz bauen — nicht Gewissheit, sondern Richtung, an die man glauben kann. Stabilitaet ist nicht nur Organigramm, sondern emotionale Orientierung.

Und zuletzt: Audit der emotionalen Arbeits‑Oekonomie.

Wer traegt die unsichtbare Arbeit, die Moral haelt, neue Mitarbeitende onboardet, Social Initiatives organisiert? Diese Arbeit muss benannt, rotiert und belohnt werden — nicht vorausgesetzt.

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Entkopplung ist ein Signal, kein Symptom

Wenn die Great Resignation ein Feueralarm war, ist die Great Detachment ein Kohlenmonoxid‑Leck — leise, unsichtbar, gefaehrlich.

Ignorieren ist keine Option. Denn egal wie viele Menschen du „haeltst“ — wenn sie emotional gegangen sind, baust du ein Unternehmen auf Staub.

Bis zum naechsten Mal, bleib verbunden.

Alex

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